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Persönliches

Wer sitzt schon gerne einem sabbernden Menschen gegenüber

Heute lass ich euch zwischen all den Reisen und schönen Dingen, über die ich gerne erzähle, ein paar Gedanken zu einem Thema hier, dass mich indirekt auch selber trifft.
Ich leiste mir morgens oft den Luxus Nachrichten im Bett zu lesen. Was früher die gute Tageszeitung in Papierform war, ist heute das Handy. Da scrolle ich mich nicht nur durch sämtliche Social Media Kanäle, sondern auch durch meinen News Feed. Dabei werden mir oft auch Nachrichten hineingespült, bei denen ich mich frage, warum sie überhaupt bei mir landen.

ZWEI KONTROVERSE ARTIKEL ÜBER SOCIAL MEDIA

Heute fand ich zwei Beitrage direkt hintereinander, die kontroverser nicht sein hätten können. Und beide betrafen im weiten Sinn die Social Media App Instagram. In der Onlineausgabe der Welt konnte ich nachlesen, dass Mitesser Videos derzeit der Renner auf Facebook und Co wären. Ich muss gestehen, dass dieser Trend zum Glück bisher an mir vorübergegangen ist, vermutlich weil ich altersmäßig keinen Bedarf mehr habe. Der Hype ist mir jedoch eher unverständlich. Was bitte kann am Ausdrücken von Pickeln so prickend sein, dass sich das Menschen schon beim Frühstück zwischen Cafe Latte und Avocado Waffel reinziehen? Somit habe ich den Artikel schnell wieder gedanklich abgelegt.

INSTAGRAM LÖSCHT FOTO MIT EINER FEHLBILDUNG

Warum ich ihn nun trotzdem erwähne, hängt mit dem darauffolgenden Beitrag im Online Standard zusammen. Der bezog sich auch auf Instagram, jener App, die in letzter Zeit aus vielerlei Gründen immer mehr in die Schlagzeilen gerät. Instgram löschte nämlich ein Bild einer Frau, dass sie gemeinsam mit ihrem 12 jährigen Sohn zeigt, der an einer seltenen Erkrankung leidet, die das halbe Gesicht zerstört hat. Zugegebenermaßen passt ein derartiges Bild, das die Realität dieser Familie zeigt natürlich nicht in die geschönte, rosarote, gefilterte Instagramwelt. Dort will man offenbar zwar Pickel- Ausdrück-Videos sehen, aber Menschen mit außergewöhnlichem Aussehen, das eben nicht dieser Filterwelt entspricht, werden einfach gecancelt.

NEGATIVER KOMMENTAR MIT VIEL WAHRHEIT

Besonders interessant fand ich jedoch einige Kommentare unter dem Standard Artikel. Dort kommentiert ein User wie folgt:
*Menschen mit schweren Behinderungen, sei es körperlich und/oder geistig, können nun mal abstoßende Emotionen hervorrufen. Ich möchte ehrlich gesagt, auch nicht unbedingt beim essen jemand gegenübersitzen, dem der Speichel ständig aus dem Mund läuft oder seine Körperbewegungen oder Lautäußerungen nicht unter Kontrolle hat. Wer will z.B. ein behindertes Kind haben oder selbst mit fehlenden Gliedmaßen auf die Welt kommen. Wenn man ehrlich ist, will dies niemand.*
Jössas, da stieg im ersten Moment der Zorn in mir hoch, so wie vielen anderen, die diesen Kommentar mit vielen roten Strichen bewerteten. Nach einer kurzen Nachdenkpause muss ich dem Kommentarschreiber aber in vielerlei Hinsicht auch Recht geben.

EIGENE BETROFFENHEIT

Ich kenne das Leben mit zu viel Speichel leider zu gut. Das heißt jetzt nicht, dass ich dauersabbernd herumsitze, aber es passiert mir tatsächlich, dass ich mich selber, vorzugsweise, wenn ich weiße Oberteile trage, anspucke. Ja, das ist wenig charmant und kann auch bei Menschen, die mich nicht gut bis gar nicht kennen, eigenartige Reaktionen auslösen. Starre Blicke, abwendende Körperhaltung oder auch, dass sich das Gegenüber reflexartig selber abputzt. Das bestätigt eindeutig die Meinung des Standard Users.

Ich habe auch einmal auf einer Onko-Reha miterlebt, dass ein Mundhöhlenkrebs- Patient auf Intervention anderer Patienten vom 6er-Tisch auf einen Einzeltisch hinter einem Paravent versetzt wurde. Weil er große Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme hatte, die auch teils mit ungewöhnlichen Geräuschen begleitet wurde. Und da half auch keine beherzte Stellungnahme. Man wollte diesen Herren aus dem Gesichtsfeld haben.

Das stellt sich für mich schon auch die Frage, warum werden Menschen, die oft wegen ihrer Erkrankung ohnedies schon am Rand der Gesellschaft stehen, dann auch noch gelöscht, wegretuschiert oder einfach hinter Paravents versteckt?

4 Comments Wer sitzt schon gerne einem sabbernden Menschen gegenüber

  1. Wolf Cashmere

    Ich kann dazu nur sagen:
    Als Banker in Frankfurt hatte ich einen Kunden als Gast zum Italiener eingeladen, nach dem Essen hatte sie sehr gute Bolognese sein weißes Hemd mit einem interessanten Muster versehen.
    Er beschwerte sich anschließend beim Kellner …
    Was für ein Trottel.
    Den erbetenen Kredit bekam er natürlich nicht, war ja klar…

  2. Gila

    Liebe Claudia,

    es ist immer wieder verblüffend, auf welchem Niveau manche Leser im www. unterwegs sind….

    Natürlich schauen wir alle am liebsten auf das Schöne und Perfekte, ob es sich nun um Architektur, Landschaften, oder gar (!!) Menschen handelt. Wahre Menschlichkeit und Empathie beginnen aber da, wo wir auch ganz gelassen auf das schauen, was nicht so perfekt ist. Und wer ehrlich ist, findet davon auch genug im eigenen Leben, nur dass sich vieles – vermeintlich – leichter retouchieren lässt…

    Ich finde Deine Art, mit einer Behinderung so offen, ehrlich und offensiv umzugehen einfach toll und kann nur sagen: Chapeau!

    Schönes Wochenende und liebe Grüße
    Gila

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