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Persönliches

Wahltag

Gestern wurde in Österreich wieder einmal gewählt. Ein neuer Nationalrat soll etabliert werden und mit ihm vermutlich auf Grund des Wahlausganges auch ein neuer Kanzler. Ich bin ein politischer Mensch, aber ich habe aufgehört öffentlich über Politik zu sprechen. Ein Eigenschutz sozusagen. Das Ergebnis schockiert mich nicht, es überrascht mich auch nicht und ich bin auch nicht erschüttert. Erfreut bin ich auch nicht sonderlich.

WAHLBEISITZERIN

Aber darum geht es hier nicht, sondern viel mehr, wie mein Wahltag verlaufen ist. Schon seit einiger Zeit stelle ich mich als Wahlbeisitzerin zur Verfügung. Wir haben ja das große Glück in Freiheit wählen zu dürfen, wir sollen das auch unbedingt wahr nehmen. Um ordentliche Wahlen abzuhalten bedarf es einer großen Anzahl an Helfern, dazu zählen eben auch jene Menschen, die sich von frühmorgens bis zur letzten ausgezählten Stimme dafür zur Verfügung stellen, den ganzen Tag im Wahllokal zu verbringen.
Ich sehe in dieser Tätigkeit nicht nur eine kleine Bürgerpflicht, sondern vor allem ein Zusammentreffen mit unglaublich vielen verschiedenen Menschen in sehr kurzer Zeit.

ÜBER 800 MENSCHEN IN 9 STUNDEN

In neun Stunden habe ich mit meinen Kollegen gemeinsam knapp 400 Ausweispapiere und die dazugehörigen Besitzer gesehen. Zählt man die Wähler des zweiten Sprengel dazu, dann sind über 800 Leute in dieser Zeit durch das kleine Wahllokal gegangen.
Das sind mehr als 800 Lebensgeschichten die im Speedtempo an einem vorüberziehen. Pässe und sonstige Ausweise geben durchaus einiges vom Besitzer preis. Man kennt sein Geburtsdatum, sieht manchmal auch, ob er weit gereist ist. Ja, ich mache mir wirklich ab und zu auch Gedanken über die Menschen die mir ihren Pass kurz anvertrauen. Meist geht es interessanterweise um das Alter. Menschen mit ähnlichem Geburtsdatum schaut man oft genauer an, um sich entweder alt oder auch jung zu fühlen. Oder man vergleicht Leute höheren Alters mit den eigenen Eltern. Inzwischen ertappe ich mich auch bei Vergleichen mit meinen Kindern. Ich dürfte da gar nicht alleine sein, wie ich immer wieder in Gesprächen mit anderen Beisitzern erfahre.

FREUNDE, BEKANNTE UND VERWANDTE

Natürlich trifft man auch ständig auf Leute, die schon irgendwann einmal den Weg gekreuzt haben oder überhaupt auch Bestandteil des eigenen Lebens waren und wieder verschwunden sind. Gestern machte ich auch wieder die schmerzliche Erfahrung, wie es ist, wenn jemand, den man aus den Augen verloren hatte, vehement einfach wegschaut, um ja keine Unterhaltung beginnen zu müssen. Dazu sei erwähnt, dass man sich ohnedies nicht unterhalten kann. Aber ein freundlicher Gruß reicht ja auch manchmal.
Dafür fand ich es umso schöner, dass meine ehemalige Biologie Professorin immer noch wie ein flinkes Wiesel unterwegs ist. Geistig wendig und immer noch eine Respektsperson und das mit weit über 90 Jahren. Mein Chemieprofessor schlenderte auch lässig vorbei. Ein wenig weniger lässig als Frau Professor, dabei ist er gut 15 Jahre jünger.
Verwandschaft lieferte seine Stimmen ab, und andere Menschen aus meinem Alltag.

BEEINDRUCKENDE MENSCHEN UND BERÜHRENDE MOMENTE

Und dann eine große Zahl an Leuten, die einfach einen Eindruck hinterließen. Leider nicht immer den besten. Da durfte man sich schräg anreden lassen, weil die Person den Stimmzettel nicht ausgefüllt , aber das Briefwahlkuvert  schon selber verklebt hatte. Ja, ich finde es immer seltsam, wenn Menschen Fehler machen und andere dafür maßregeln.
Natürlich gibt es viel mehr schöne und auch berührende Momente, die man an so einem langen Wahltag erlebt.
Ein Herr, geboren 1920, der als Ausweispapier einen Pass aus den frühen 60ern mit sich führte. Eine Passform, die es schon lange nicht mehr gibt. Der war nicht nur auf ihn ausgestellt, sondern auch auf die leider verblichene Gattin. Der er nun nachfolgen wolle, wie er uns versicherte. Und ja, man spürte, es war ihm ernst, dass das wohl seine letzte Wahl wäre. Andererseits nervöse junge Menschen, die mit 16 Jahren ihr erstes Kreuz in der Wahlkabine setzen durften.
Eine Mutter in meinem Alter, die ihrem gut 30 jährigen Sohn sehr betont in die Wahlkabine nach rief, er möge es *kurz* halten. Hundebesitzer, die ihre Hunde mitwählen ließen. Kleinkinder die neugierig fragten, was Mama und Papa da drinnen machen würden. Ein junger Mann, dem seine Adresse erst im vierten Anlauf wieder einfiel, und der schon am Weg zu seinem ehemaligen Wahllokal aufbrechen wollte.
Ja, einfach viele menschliche Begegnungen, wie im richtigen Leben auch.

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