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Persönliches

Scheitern nicht erwünscht; Tabuthema Insolvenz

Mein Fernsehauftritt vom letzten Samstag bei Vera Russwurm wirkt noch immer sehr stark nach. Unzählige Nachrichten haben mich über diverse Kanäle erreicht. Ein ganz großer Teil hat mir sehr viel Wertschätzung entgegengebracht. Darunter viele Kommentare, die sich auch auf meine Insolvenz und vor allem die daraus resultierenden Konsequenzen bezogen, über die ich ja auch in diesem TV-Beitrag gesprochen habe. Eigentlich wollte ich das Thema nun ruhen lassen. Es hat  lange genug   mein und auch das Leben meiner Familie unvorstellbar eingeschränkt. Auf Grund der vielen Nachrichten möchte ich diese leidvolle Geschichte noch einmal kurz ansprechen, weil mir bewusst geworden ist, dass ich hier in ein Wespennest gestochen habe.

GESELLSCHAFTLICHES TABU

Es ist in unserer Gesellschaft fast unmöglich über Insolvenz, Konkurs oder Ausgleich zu sprechen, solange es einen selbst betrifft. Urteile über andere werden jedoch sehr schnell gefällt, oft, ohne, dass man nähere Hintergründe kennt. Man kann zum Glück heute offen sagen, dass man sich scheiden hat lassen oder an Krebs erkrankt ist, aber es ist nach wie vor verpönt, finanzielles oder wirtschaftliches Scheitern offen zu zugeben. Ganz im Gegenteil, die gesellschaftliche Ächtung ist wesentlich schneller da, als die Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Oft darf man sich dann zutragen lassen, dass andere das ohnedies schon lange geahnt hätten, dass hier Feuer im Busch wäre. Plötzlich wissen Außenstehende besser Bescheid, als man selbst, weil einfach Mutmaßungen und Ferndiagnosen gestellt werden.

EXISTENZVERLUST

Die wenigsten Schuldner führen eine Insolvenz bewusst und vorsätzlich herbei. Oft gehen einem solchen Schritt schon jahrelange, oder zumindest monatelange Schwierigkeiten voraus. So mancher versucht verzweifelt sein Unternehmen zu retten. Mit der traurigen Konsequenz, die ganze Energie auf das falsche Pferd gesetzt zu haben und oftmals auch im Einklang mit dem Verlust der gesamten Existenz. Das ist besonders bitter, wie in meinem Fall, wenn es sich um ein mittelständisches Familienunternehmen handelt. Denn dann ist die gesamte wirtschaftliche Existenz einer Familie ausgelöscht. Verbunden mit dem Verlust der Immobilie, die man bewohnt hat. Man haftet ja als Unternehmer in vielen Fällen mit dem privaten Vermögen. Natürlich ist es nicht schön, wenn man sich von Wertanlagen trennen muss, die man für die eigene Absicherung im Alter und die der Kinder angeschafft hat. Aber der Verlust des Wohnhauses für eine Großfamilie ist beinahe unerträglich. In letzter Konsequenz gehen meist auch Freunde und Bekannte verloren, auf die man eigentlich in solchen Situationen zählen würde. Ich habe es erlebt, dass Menschen die jahrelang in meinem Haus zu Gast waren und sich fürstlich bedienen ließen, die Straßenseite wechselten, um ja nicht Gefahr zu laufen, sich mit mir konfrontieren zu müssen. Dafür haben sie gerne hinter meinem Rücken herumorakelt.

VERURTEILUNG UND LEUMUND

Was macht das mit einem Menschen? Zum einen kämpft man mit einem unglaublichen bürokratischen Aufwand, ist geschäftlich handlungsunfähig, weil ein Verwalter zur Seite gestellt wird, was ich als absolut demütigend empfand und zum anderen ist man einer gesellschaftlichen Ächtung ausgesetzt. Sämtlicher Energieaufwand ist dazu da, Negatives abzuwenden oder zu bewältigen. Das gelingt kaum. Der Normalfall ist, dass man auch mit einer gerichtlichen Verurteilung zu rechnen hat, was natürlich ein schlechtes Leumundszeugnis mit sich bringt und unglaubliche Hürden im Alltag verursacht. Ich spreche nicht davon, dass man nicht mehr kreditwürdig ist. Es ist faktisch unmöglich einen Job zu finden oder eine Wohnung anzumieten, wenn man nicht mehrere Garantiegeber vorweisen kann.
Natürlich ist man als Schuldner verantwortlich, aber oft gibt es Gründe für eine Insolvenz, die man nicht wirklich beeinflussen kann. Gerade im Handel kann es passieren, dass man selbst zum Gläubiger wird, weil ein Kunde nicht mehr zahlungsfähig ist. Zwei, drei Fehlentscheidungen und schon kann die Katastrophe eintreten.

ERST NACH JAHREN ENTSCHULDET

Ich möchte hier kein Mitleid erfahren, im Gegenteil. Für mich ist mein Firmenkonkurs seit einigen Jahren abgeschlossen, auch privat bin ich befreit. So tragisch es klingt, die Schuldbefreiung war nur durch meine Erkrankung möglich, denn dadurch konnte ich die Gläubiger überzeugen, dass ich nie wieder die Möglichkeit haben werde, die Gesamtschuld abzutragen. Ein außergerichtliches Ausgleichsverfahren mit Hilfe meiner erweiterten Familie hat dies möglich gemacht. Das mag jetzt zynisch klingen, aber somit hatte die Krebserkrankung mit all seinen Folgen doch irgendwie Sinn gemacht.
Ich möchte einfach darauf hinweisen, dass man als Außenstehender tunlichst vermeiden sollte, Urteile über Menschen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu fällen. Es kann jeden von uns treffen, dazu muss man nicht einmal Unternehmer sein. Auch durch Jobverlust oder schwere Erkrankungen kann man in prekäre wirtschaftliche Situationen kommen. Ich kann nur raten, niemals zu lange zu warten und so schnell wie möglich Hilfe von außen zu holen. Man sollte sich vor allem vor den Tatsachen nicht verstecken. Was andere sagen und tratschen ist übrigens vollkommen zweitrangig.

4 Comments Scheitern nicht erwünscht; Tabuthema Insolvenz

  1. bernhard jenny

    und wieder ist es deine offenheit, deine klarheit, die auch diesem thema so gut tut. enttabuisieren. ja das ist wesentlich. und menschen niemals vorverurteilen. das thema insolvenz ist ein besonders tabuisiertes, obwohl es viel mehr menschen betrifft, als wir wahrnehmen. deshalb ein grosses danke dafür, dass du tachles sprichst und schreibst!

  2. Platz-nehmerin

    Insolvenz ist zwar nicht mein Thema, aber der Beitrag hat mich sehr berührt. Die Mechanismen, die ins Laufen kommen, die Kräfte, die man braucht, die Plötzlichkeit, mit der etwas eintreten kann – das sind Punkte, die auf viele Situationen zutreffen (können). Ich hatte auch so eine Situation. Es tut so gut, wenn Menschen aufstehen und Klartext über tabuisierte Themen reden und ihnen somit auch das Schamgefühl nimmt – von Herzen DANKE liebe Claudia. Liebe Grüße

    1. Claudia Braunstein

      Herzlichen Dank für das Feedback. Die vielen Nachrichten bestätigen, wie wichtig es war, darüber zu schreiben. Liebe Grüße, Claudia

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